Warum ich meinen zweiten Vornamen nutze

Fritz Michael und Marc Frederic – ich erinnere mich noch gut an die wenigen Klassenkameraden, die in meiner Schulzeit Betonung legten auf ihren zweiten Vornamen. Ich hingegen verschwieg meine Erblast geflissentlich. Mein erster Vorname war seinerzeit bereits altbacken, mein zweiter hätte Gelächter ausgelöst: Gerhard, eine Reminiszenz an meinen Patenonkel. Was mich damals am Geschmack meiner Eltern zweifeln ließ, mache ich mir heute zu nutze.

Ralf Gerhard Ehlert steht in meiner Geburtsurkunde. Den ersten Vornamen konnte ich schlecht verheimlichen, den zweiten habe ich nicht einmal meiner Frau verraten. Schon der Nachname bereitete mir während meiner Studienzeit Probleme. Ein Freund, der mich damals in Köln besuchen wollte, machte mich auf diesen Allerweltsnamen aufmerksam. Er hatte versucht, mich über das Kölner Telefonbuch ausfindig zu machen, und scheiterte, weil fünf Ralf Ehlerts innerhalb einer Stadt einer Kontaktaufnahme entgegenstanden. Als er mir später davon berichtete, wurde ich meiner kindlichen Träume beraubt. Prinz-Eisenherz-Geschichten und Ritter-der-Tafelrunde-Filme hatten früh bei mir die Hoffnung geweckt, einen edlen Ursprung aufgrund meines Familiennamens in mir zu bergen. Erst durch die Begebenheit mit meinem Freund wurde mir bewusst, dass Ehlert nicht mehr wert ist als Meier, Müller oder Lüdenscheidt. Hinzu kam mein profaner Vorname, der damals so verbreitet war wie heute Chantal oder Jacqueline.

Damals dämmerte es mir bereits, dass die Nutzung meiner beiden Vornamen zu einem Alleinstellungsmerkmal geführt hätte – jedenfalls im Telefonbuch. Das gab es früher übrigens in Buchform und (spätestens jetzt wird es für Netz-Nerds und Handy-Junkies unglaublich): Diese anfassbare Database hing in öffentlichen Telefonzellen, in begehbaren Klos also, in denen ein Münzfernsprecher (= festgenageltes PrePaid-Handy) angebracht war. Mit Verbreitung der Handys wurden Telefonzellen dann aus Sicherheitsgründen abgeschafft. Zu viele Verletzte hatte es unter den gedankenlosen Funk-Telefonierern gegeben, wenn sie doch einmal Gebrauch von solchen standortfixierten Fernsprechern machten. Bei den Versuchen, während des Telefonats noch schnell die letzte Bahn zu kriegen, wurden sie vom Telefonkabel auf den Boden der Tatsachen zurückgerissen.

Auffindbarkeit im Netz

Zurück zu meinen blöden Namen. Was damals im ortsgebundenen Telefonbuch von Vorteil gewesen wäre, gilt heutzutage erst recht fürs globale Netz. Die Auffindbarkeit im Internet steigt mit der Anzahl der Vornamen, mit denen man sich ins weltweite Telefonbuch einschreibt. Und nicht nur für private, vor allem für berufliche Zwecke ist solch eine Auffindbarkeit von kaum noch zu unterschätzender Bedeutung. Personalreferenten (= Human-Resources-Recruiter) ergoogeln sich benötigte Informationen zur Eignung von Bewerbern. Lebenslauf und Zeugnis in Schwarz-auf-Weiß-Form werden spätestens dann unbedeutend bis unglaubwürdig, wenn die digitale Visitenkarte nicht bestätigt, sondern in unerwartete Richtungen vorstößt. Ein Ralf Ehlert in Schützenfest-Uniform mag auf meine Heimat, das Sauerland, hindeuten und Charakterzüge wie Geselligkeit und Trinkfestigkeit transportieren – aber will ich das? Ein Ralf Ehlert mit Hang zum Nudismus, der im Gegensatz zu mir keine Scheu zeigt, sich im Netz zur Schau zu stellen, mag irgendwie auf mich als Freigeist deuten, kann mir allerdings auch Probleme bereiten (kommt auf die Branche an).

Mittels eines zweiten Vornamens lässt sich die Ego-Konkurrenz auf einfache Art reduzieren, um mehr Kontrolle über das virtuelle Ich zu erhalten, um Missverständnissen aus dem Weg zu gehen, das Steuer in die eigene Hand zu nehmen.

Selbstmarkierung – die digitale Identität

Ein langer Name allein führt allerdings nicht automatisch zur weltweiten Unverwechselbarkeit und schon gar nicht zur bewerbungsrelevanten Empfehlung oder allgemeiner, zur gewünschten Online-Reputation. Die digitale Visitenkarte muss zu einer digitalen Identität ausgebaut werden. Es gilt also, seine virtuelle Adresse mit Inhalt zu füllen. Und auch hierbei heißt es: Content is King. Ob dies über Social-Media-Kanäle oder/und auf dem eigenen Weblog geschieht, ist unerheblich. Wichtig ist, dass über die kontrolliert verbreiteten Inhalte ein virtuelles Profil entsteht, mit dem man selbst sich identifizieren kann und das in sich konsistent ist. Dann steht einer Bewerbung, Kontaktaufnahme, Kundenakquise nicht mehr viel im Weg.

Schließlich sollten diese Inhalte, wenn sie auf unterschiedlichen Plattformen verteilt sind, miteinander vernetzt werden. Verlinkungen vom eigenen Blog auf die zugehörigen Seiten bei Facebook, Twitter und Co. und vice versa sind obligatorisch. Und abschließend fehlt nur noch ein Anruf bei Google, um der Suchmaschine die eigene Namenskennung durchzugeben. Mit dem Schreiben dieses Texts habe ich das für meinen Namen gerade getan.

Ihr und Euer
Ralf Gerhard Ehlert