Ehlert persönlich: ich seh scheiße aus

Ich seh scheiße aus. Es lässt sich nicht leugnen. Ein Foto muss her, um bei Google+ den AuthorRank zu erklimmen. Aber woher das Foto nehmen, wenn nicht stehlen? Dabei kann es doch eigentlich gar nicht so schlimm sein!? Immerhin hat mich meine Frau genommen, und die ist hübsch. Warum sollte sie einen hässlichen Gnom wie mich ausgewählt haben? – Wie dem auch sei, alle Fotos sagen mir: „Du siehst scheiße aus“.

Es ist verblüffend. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich einen netten, freundlichen, sympathischen, sportlichen, 10 Jahre jüngeren… Aber auf Fotos? Die reine Fratze! Ein Phänomen, das ich nicht erklären kann. Vielleicht aber austricksen? Ich hab’s versucht. Clever wie ich bin, hab ich mich vor den Spiegel gestellt, um mein gut aussehendes Ebenbild zu fotografieren. Allein – welche Stellung ich auch ausprobierte, der blöde Fotoapparat war stets im Weg.

Also doch retuschieren. Ich bin ausgebildeter Webdesigner, ich hab das Manipulieren von Bildern gelernt. Also schnapp ich mir eins von den nicht ganz so schlimmen Fotos, scann es ein und gehe an die Arbeit… Kaum zu glauben. Bei dieser wichtigen Aufgabe versagt das Programm. Was kurz zuvor bei Tannenbäumen und Düsenjets noch funktionierte, verweigert jetzt seinen Dienst. Ein Bug? Ein Virus? Oder die Meinung meines Computers, der auch sieht, dass ich meine Fähigkeiten hier wohl gründlich überschätzt habe.

Verzweifelung macht sich breit. Heutzutage ist es Pflicht, sein Konterfei im Internet zu präsentieren. Google will es so, die Kunden wollen es – und NSA und Bundesnachrichtendienst haben auch nichts dagegen. Ein Bild muss also her. Ich schau mich bei den Kollegen um – und finde die Lösung: Kinderbilder! Das Fotoalbum meiner Eltern ist schnell ausgeliehen, durchgeblättert und… Der Plan ist verworfen. Nun verstehe ich, warum mich meine Schwester seit meiner Kindheit Moppi nennt. Und die Frisur! Offenbar war damals ein Prinz-Eisenherz-Helmschnitt in Mode. Wenn mich meine Mutter nochmal dran erinnert, dass meine Söhne zum Friseur müssen, werde ich ihr diese Bilder unter die Nase reiben.

Apropos Söhne. Ich hab zwei wirklich gut geratene, von denen laut Zeugenberichten mindestens einer mir sehr ähnlich ist. Nett, freundlich, sympathisch… Aha? Ich nehm einen Bilderrahmen mit dem Abbild meines Sohnes von der Wand – und werde erwischt. „Was hast Du damit vor?“ „Abstauben“ sag ich, in Ermangelung einer besseren Ausrede. Spätestens in Zusammenhang mit unseren Kindern verliert meine Frau jeden Sinn für Social Media, Facebook und dieses ganze Zeugs.

Fünf Stunden später ist das Wohnzimmer von Staub befreit, und ich bin einer Lösung keinen Schritt näher gekommen. Hab ich meinen Job verfehlt? Putzmänner dürfen hässlich sein, im Internet aber muss man sich als Saubermann präsentieren. Mein Arbeitstag geht zu Ende. Wieder nix Produktives geschafft. Ich arbeite dran, wenn nicht mehr heute, dann doch morgen…


Nachschlag: Offenbar liest Google tatsächlich alles mit, was ich schreibe. Wenige Wochen, nachdem ich diesen Hilferuf ins Netz gestellt habe, hat die Suchmaschine reagiert: Ein Foto ist nun nicht mehr nötig, um sich als Autor, Texter, Journalist einen Namen im Google-Netz zu machen. Danke, danke, danke – und Grüße an die NSA, die wohl auch ein Nachsehen hatte und nicht mehr auf der Visagierung meines Benutzerprofils besteht.